Anekdoten
Denkwürdiges und Merkwürdiges
- Randnotizen eines reisenden Reporters
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, sagt der Volksmund. Und Recht hat er! Auch ich habe auf meinen Reisen rund um den Globus einiges erlebt, das ich nie vergessen werde. Auch einiges, das noch Jahre später ein Schmunzeln oder ein Kopfschütteln auslöst. Einiges, bei dem man denkt: Das kann doch nicht wahr sein! Und einiges, das in meinen Reportagen keinen Platz fand, das ich den Nutzern meiner Webseite aber nicht vorenthalten will...

- Mitten im "Reich der Mitte": Kaiserpalast von Peking
So klein ist die Welt

- Frank Stauder
Kimberley, British Columbia, August 1992.
Bei einer Tasse Kaffee sitze ich Willy Mulhaupt gegenüber, dem Vorsitzenden des Hotel- und Gaststättenverbandes dieser "bayerischen" Stadt in den kanadischen Rocky Mountains*). Da geht die Tür auf und ein älterer Herr mit schlohweißen Haaren betritt den Raum. Willy springt auf und begrüßt ihn herzlich auf Deutsch: "Hallo, Frank! Setz' dich zu uns." Die beiden tauschen kurz die lokalen Neuigkeiten aus. Dabei spricht Frank mit einem Akzent, der mir sehr bekannt vorkommt. Könnte ein gebürtiger Hesse sein oder so. Da unterbreche ich die beiden:
"Kann es sein, dass Sie aus der selben Gegend stammen wie ich?" (An das hier übliche Du, auch unter eigentlich Fremden, kann ich mich noch nicht so recht gewöhnen.)
"Warum, wo biste dann her?"
"Aus Mainz."
"Waaas? Aus Määnz? Isch bin in Bretzenheim geborn!" (ein Stadtteil von Mainz)
"Waaas? In Bretzenheim? Ich wohne in Bretzenheim."
"Waaas?" Und Frank kriegt sich gar nicht wieder ein. So ein Zufall! Zwei Bretzenheimer zur gleichen Zeit an diesem fernen Ort!
In den Fünfziger Jahren sei er von Mainz nach Kanada ausgewandert, berichtet er, später dann als Ruheständler nach Kimberley gezogen, weil hier so viele Deutschstämmige leben. In Deutschland selbst ist er schon seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen. Seine Eltern hätten früher eine Kneipe am Mainzer Gautor geführt. Ob es die heute noch gebe? Ich weiß es nicht, verspreche aber Nachforschungen anzustellen. Sein Nachname sei Stauder, erzählt Frank weiter. Das sei damals ein häufiger Name in Bretzenheim gewesen. Und ist es noch immer, bestätige ich. Aber nahe Verwandtschaft sei wohl nicht darunter, meint er. Und dann springt Frank plötzlich auf, zerrt mich hoch und nimmt mich mit auf eine spontane Spritztour rund um Kimberley. Dabei zeigt er mir auch die Baustelle, wo sein neues Haus entsteht. Da will er seinen Lebensabend verbringen. Später lädt er mich noch auf einen Wein ein und nimmt mir das Versprechen ab, sein geliebtes Mainz zu grüßen.
Die ehemalige Kneipe seiner Eltern gibt es nicht mehr, muss ich ihm leider von zu Hause aus mitteilen. Noch jahrelang schickt mir Frank eine vierteljährlich erscheinende Broschüre mit dem Titel "Beautiful British Columbia". Gerne wäre ich nochmal hingefahren, aber geschafft habe ich es nicht. Inzwischen ist Frank verstorben. "Old" Bretzenheim hat er nicht mehr wiedergesehen.
*) siehe auch Reportage: Kanadas Westen 4
Knapp verpasst ist auch vorbei

- Chico Hot Springs Lodge
Chico Hot Springs, Montana, Juli 2000.
An der Rezeption der Lodge frage ich nach dem Manager. Ich bin nicht angemeldet. Wird Mike Art mich empfangen? Dieser Mann ist eine Schlüsselfigur. Er soll helfen, mir einen Traum zu erfüllen: Ein Interview mit einer Traumfrau - Hollywood-Star Meg Ryan aus "Schlaflos in "Seattle". Hier ganz in der Nähe besitzt sie ein Landhaus, zusammen mit ihrem Ehemann Dennis Quaid, ebenfalls ein berühmter Schauspieler. Wie viele andere Leinwandgrößen haben sie sich in die Abgeschiedenheit Montanas zurückgezogen, um dem Medienrummel in L.A. zu entgehen. Und Mike Art von der Chico Hot Springs Lodge kennt sie alle, heißt es. Sein Restaurant sei das beste weit und breit. Hier würden sie ein und aus gehen, die Berühmtheiten. Auch Meg Ryan. Aber wird sie bereit sein, einen ihr völlig unbekannten Reporter aus "Germany" zu treffen und ihm ihre kostbare Zeit opfern? Wenn überhaupt jemand den Kontakt vermitteln könne, wurde mir vielfach versichert, dann sei es Mike Art.
Nach wenigen Minuten Wartezeit bittet mich der Hotel-Manager in sein Büro. Ein freundlicher, hemdsärmeliger, auf den ersten Blick sympathischer Typ. Etwas verlegen trage ich ihm mein Ansinnen vor. Ich bin darauf eingestellt, dass er es sofort entschieden zurückweist.
Aber Mikes Miene bleibt unverändert freundlich. Normalerweise gern, meint er, es gebe nur ein Problem. Meg halte sich gerade zu Dreharbeiten in England auf und Dennis sei vorgestern rübergeflogen, um seine Frau zu besuchen.
Die Enttäuschung steht mir offenbar ins Gesicht geschrieben, denn Mike schiebt sofort nach: Ob ich denn "zur Not" auch mit Peter Fonda Vorlieb nehmen würde?
Peter Fonda?! Wow! Dass der auch hier wohnt, wusste ich gar nicht. Na klar, nur ein paar Meilen nördlich, lächelt Mike. Und Peter sei ein guter Freund von ihm und noch dazu "a very nice guy". Er werde ihn gleich mal anrufen.
Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Der Traum von einem Interview mit der Traumfrau Meg Ryan gerade geplatzt wie eine Seifenblase und nun die dicke Chance auf ein ebensolches mit der "Easy Rider"-Legende Peter Fonda! Für einen Motorradfan wie mich ist diese Aussicht mindestens ebenso verlockend.
Leider geht Peter nicht an den Apparat. Mike will es weiter versuchen. Wenn er Peter bis zum Abend nicht erreicht habe, könne ich als sein Gast in der Lodge übernachten, im Saloon dinieren und gerne auch das Thermalbad benutzen, das aus heißen Quellen gespeist wird. Daher nämlich "Chico Hot Springs".
Und genau so kommt es. Peter Fonda düst wahrscheinlich gerade mit einem seiner angeblich acht (!) Motorräder durch die Gegend. Jedenfalls nimmt er den Telefonhörer nicht ab. Erst am folgenden Morgen lässt Mike mich wieder rufen. Er habe mit Peters Frau Becky gesprochen. Peter müsse zwar vormittags noch einiges erledigen, aber gegen halb 12 sei er wieder zu Hause auf seiner Ranch. Dann könne ich vorbeikommen.
Boah! Mein Herz schlägt höher, mein Puls rast. Es klappt also doch noch! ICH, ein "kleiner" Radio-Reporter aus Deutschland, bekomme sozusagen eine Audienz bei einer lebenden Legende, einem wahren Gott der Bikerszene!
Die knapp drei Stunden bis halb 12 vergehen im Zeitlupentempo. Alle paar Minuten schaue ich auf die Uhr. Worüber werde ich mit ihm reden? Was werde ich ihn fragen? Peinlich, außer "Easy Rider" fällt mir auf die Schnelle kein Film ein, in dem ich Peter Fonda gesehen habe. Ob er es merkt?
Kurz vor 11 werde ich wieder in Mike Arts Büro zitiert. "Bad news", empfängt er mich. Becky Fonda habe soeben noch mal angerufen und gesagt, dass Peter gleich nach seiner Rückkehr geschäftlich verreisen wolle. Wir müssten das Interview um einen Tag verschieben.
Verdammte Scheiße! In mir bricht eine Welt zusammen. Am nächsten Tag habe ich bereits einen festen Termin in Hardin, Hunderte Meilen entfernt. Da findet "Custer's last stand reenactment" statt, die nachgestellte Indianerschlacht am Little Bighorn*). Das darf ich auf keinen Fall versäumen. Deshalb muss ich das Fonda-Interview schweren Herzens absagen.
Bitter enttäuscht, reise ich auf der Stelle ab. Vor Peters Ranch halte ich nochmal kurz an und werfe einen sehnsüchtigen Blick auf das rustikale Anwesen. Nur wenige Meilen weiter kommt mir auf der einsamen Landstraße ein Motorrad entgegen. Eine Harley. Der Fahrer mit Kopftuch und dunkler Sonnenbrille. Ich beobachte ihn im Rückspiegel, bis er aus dem Blickfeld entschwunden ist. Das könnte Peter Fonda gewesen sein...
*) siehe auch Reportage: Wild Wild West 3
Pünktlichkeit ist keine Hexerei

- "Unser Ziel ist die Pünktlichkeit!"
Flughafen Madrid, Spanien, Dezember 2005.
Warten auf Godot - besser: Warten auf die Iberia-Maschine nach Frankfurt. Sie sollte um 20 Uhr starten. Jetzt ist es 22 Uhr und es tut sich immer noch nichts. Mein Blick fällt auf eine Werbetafel der spanischen Airline. Die Aufschrift wirkt wie der blanke Hohn: "Nuestro objetivo es la puntualidad" steht da geschrieben. Das heißt sinngemäß: "Unser Ziel ist die Pünktlichkeit." Na, bis zu diesem Ziel scheint es aber noch ein weiter Weg zu sein!
Das Drama hat ja nicht erst hier in Madrid begonnen, sondern schon viel früher: Gestern, 14 Uhr Ortszeit, kam ich mit meiner Reisegruppe am Flughafen von Caracas in Venezuela*) an. Vier Stunden später sollte der Iberia-Flug nach Madrid starten. Die Schlange beim Einchecken war die längste, die ich je gesehen hatte. Ganze zwei Mitarbeiterinnen mussten die Economy-Passagiere abfertigen. Es ging nur im Schneckentempo voran. Nach anderthalb Stunden endlich war ich an der Reihe und erfuhr, dass die Maschine mindestens zwei Stunden Verspätung haben würde. Na, super! Aus den zwei Stunden wurden schließlich sechs. Eine zermürbende Wartezeit begann, in der sich kein Iberia-Mitarbeiter blicken ließ. Statt um 18 Uhr hoben wir schließlich kurz nach Mitternacht in Caracas ab.
Im Flieger tat ich kein Auge zu, denn er war so eng bestuhlt, wie ich es ebenfalls noch nie zuvor erlebt hatte. Keine Henne in der Legebatterie würde sich das gefallen lassen. Das Essen war eine Katastrophe. Das Bordpersonal war alt, hässlich und überbot sich gegenseitig in Ruppigkeit und Unfreundlichkeit. Auch auf meine Frage, wie es zu der großen Verspätung gekommen sei, erntete ich nur ein Achselzucken.
Der Anschlussflug in Madrid war natürlich längst weg. Die nächste Maschine nach Frankfurt sollte erst fünfeinhalb Stunden später gehen. Eine weitere zermürbende Wartezeit: Man hockt da, starrt ins Leere, man geht was essen, was trinken, auf Toilette. Dann hockt man wieder da, starrt ins Leere und so fort. Irgendwann macht das Gerücht die Runde, wir könnten an diesem Abend überhaupt nicht mehr starten, weil wir sonst in Konflikt mit dem Nachtflugverbot in Frankfurt kämen. In diesem Fall müssten wir bis zum Morgen warten. Eine Horrorvision! Aber gegen 22 Uhr 30 endlich tut sich was. Der Flieger ist bereit zum Boarden. Erleichtert, aber immer noch skeptisch, steigen wir ein. Wer weiß, ob wir tatsächlich in Frankfurt landen oder auf einem anderen Flughafen? Vielleicht in Köln oder Stuttgart? Das würde gerade noch fehlen! Doch die Sorge ist unbegründet. Nach rund zwei Stunden in der Luft gehen wir planmäßig in Frankfurt runter. Es geschehen also noch Zeichen und Wunder. Gegen drei Uhr nachts bin ich endlich zu Hause in Mainz. Total groggy natürlich. Ohne Verspätungen wäre ich schon um die Mittagszeit daheim gewesen.
Und was lernen wir daraus? Nie wieder Iberia!
*) siehe auch Reportagen: Venezuela 1 - 5
Doch wieder Iberia?

- Iberia Business Class
Flughafen Madrid, Spanien, November 2011.
Wieder warten auf den Anschlussflug nach Frankfurt. Wieder mit Iberia. Eigentlich wollte ich nie wieder (siehe oben) mit dieser Airline in die Luft gehen. Zu strapaziös – ja, geradezu desaströs – war der Rückflug 2005 von Caracas. Aber immer kann man es sich nicht aussuchen, mit wem man fliegt. Bei einer Pauschalreise wie jetzt nach Costa Rica*) bestimmt das Reiseunternehmen, wo es bucht, und es wählt natürlich nicht die komfortabelste, sondern die billigste Alternative...
Bei diesem Trip sind die Begleitumstände allerdings angenehmer als damals. Auf dem Hinflug von Madrid nach San José zeigte sich Iberia von seiner allerbesten Seite. Vor dem Einsteigen wurde ich von einer netten Stewardess gefragt, ob ich etwas gegen ein Update in die Business Class einzuwenden hätte. Hatte ich natürlich nicht! Und dort unter den Reichen und Schönen zerbröselte meine tiefe Abneigung gegen die spanische Airline von Minute zu Minute mehr. Es gab ein Gläschen Schampus zur Begrüßung, breite, bequeme Sitze mit unendlich viel Beinfreiheit, ein umfangreiches, individuell anwählbares Unterhaltungsprogramm (sogar mit Filmen auf deutsch), leckeres Essen und feine Häppchen zwischendurch. Das Personal war jung, hübsch, ausgesucht höflich und freundlich. Zudem war der Flug auch einigermaßen pünktlich, sodass ich entspannt wie selten zuvor an meinem (Fern-)Reiseziel ankam.
Beim Rückflug hingegen bemühte sich Iberia nach Kräften, den guten Eindruck wieder zunichte zu machen. Zwar hoben wir auch da wieder relativ pünktlich ab, aber diesmal musste ich bei den gewöhnlichen Sterblichen in der Economy Class sitzen. Die Bestuhlung schien seit 2005 eher noch enger geworden zu sein, das Essen war eklig glibberig und nicht mal lauwarm, das Flugpersonal kaum weniger ruppig als damals, dafür noch älter und hässlicher. Kurz gesagt: Die elf Stunden bis Madrid wurden zur Qual. Wenigstens an der Pünktlichkeit scheint Iberia tatsächlich gearbeitet zu haben, denn auch der Weiterflug startet (fast) planmäßig.
Und was lernen wir daraus? Keine Ahnung.
*) siehe auch Reportagen: Costa Rica 1 - 5
Besser reich und gesund als arm und krank

- Blick über Auckland
Auckland, Neuseeland, November 1984.
Es ist Freitagmorgen. Ich bin am anderen Ende der Welt angekommen. Als Kind hatte ich mir vorgestellt, dass die Leute hier auf der Südhalbkugel mit dem Kopf nach unten hängen. Und genau so fühle ich mich jetzt. 36 Stunden Flug in den Knochen und mindestens 39 Grad Fieber. Mit einer leichten Erkältung war ich in Frankfurt in den Flieger gestiegen. Mit einer ausgewachsenen Grippe habe ich ihn in Auckland wieder verlassen. Was nun?
Eigentlich wollte ich auf meiner knapp sechswöchigen Reise ausschließlich in Jugendherbergen übernachten. Um Geld zu sparen. Aber die Aussicht auf einen unruhigen Schlafsaal mit einem unbequemen Feldbett ist in diesem Moment alles andere als verlockend. Also suche ich mir eine preisgünstige Pension. Ein paar Aspirin eingeschmissen und dann schlafen, nur noch schlafen!
Leider ist mein Organismus durch die extreme Zeitverschiebung (12 Stunden) so durcheinander geraten, dass ich keine Ruhe finde. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere, ab und zu nicke ich zwar kurz ein, aber ständig wache ich wieder auf. Und ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen. Trotz Aspirin. Nur zum Frühstück verlasse ich mein Zimmer. Ansonsten verbringe ich das ganze Wochenende im Bett.
Irgendwann muss diese Scheiß-Grippe doch ausgestanden sein. Aber denkste! Es wird immer schlimmer. Am Sonntagabend bin ich völlig entkräftet und fühle mich halbtot. Soll ich am nächsten Morgen zu einem Arzt gehen? Aber was wird der kosten? Diese Reise musste ich mir als Student mühsam zusammensparen. Da kommen solche unvorhergesehenen Ausgaben äußerst ungelegen.
Doch nach einer weiteren wenig geruhsamen Nacht und anhaltend hohem Fieber ist mir das Geld egal. Die Pensionswirtin gibt mir die Adresse eines Arztes in der Nähe. Nach dem Frühstück schleppe ich mich hin. Die Beine fühlen sich an wie Pudding. Ich kann mich nicht erinnern, dass es mir jemals so elend ging.
Der Doktor macht es kurz. Er verordnet mir Penicillin und verspricht, damit werde das Fieber in zwei, drei Tagen sinken. Ich bedanke mich und frage nach der Rechnung. In Gedanken bin ich schon darauf eingestellt, dass der Arztbesuch ein Riesenloch in meine Kasse reißen wird. Aber es kostet nur NZ$ 15. Ich fühle mich sofort besser und mit Hilfe des Penicillins ist auch das Fieber schon am nächsten Morgen weg. Der große Trip kann endlich beginnen!
So weit so gut. Doch die finanzielle Pleite folgt am Ende doch noch: Nach knapp sechswöchiger Rundreise bin ich zurück am Flughafen von Auckland. Beim Einchecken treffe ich einen jungen Schweizer, den ich bereits in der Jugendherberge Hamilton flüchtig kennen gelernt habe. Nennen wir ihn Andi. Ich will nach Hause, er will weiter Richtung Philippinen, sagt er. Doch bis zum Stopover in Singapur reisen wir gemeinsam, sitzen auch nebeneinander in der Maschine. Zum Ausfüllen der Zollformulare hole ich meinen Pass aus der Brieftasche und packe sie danach nicht gleich wieder weg, sondern stecke sie zu den Zeitschriften in der Rückenlehne des Vordersitzes. Irgendwann muss ich mal für kleine Jungs. Um die Brieftasche mache ich mir keine Sorgen. Andi sitzt ja daneben und kann aufpassen.
In Singapur angekommen, scheint er es sehr eilig zu haben. Und nach der Passkontrolle ist er plötzlich weg. Grußlos in der Menschenmenge verschwunden. Zwar wundere ich mich, aber auch da denke ich noch nichts Böses. Erst später im Hotel werfe ich einen Blick in meine Brieftasche und siehe da: Die beiden 100-Mark-Scheine, meine eiserne Reserve, sind verschwunden. Alles andere ist noch da, aber das Geld ist weg. Außer Andi, überlege ich, hatte niemand eine Möglichkeit, die Kohle zu nehmen. Jetzt wird mir auch endlich klar, warum er sich so hastig aus dem Staub gemacht hat, dieser Drecksack! Ich hab' ihm vertraut und er hat mich beklaut. Das schmerzt mehr als der materielle Verlust. Aber letztlich ärgere ich mich bis heute vor allem über die eigene Dummheit. Und vielleicht hatte dieses Erlebnis auch einen pädagogischen Wert. Mein Geld lasse ich seither jedenfalls nie mehr aus den Augen.
Das fängt ja gut an

- Pioneer Plaza in Dallas
Dallas, Texas, Oktober 2002.
Müde und abgespannt sinke ich auf mein Bett im Motel 6. War das ein Tag! Mit Pleiten, Pech und Pannen hat er begonnen. Um halb 6 Uhr morgens musste ich aufstehen, um rechtzeitig am Frankfurter Flughafen zu sein. Wie ich das hasse! Weil sonntags um diese Uhrzeit noch kein Bus von Bretzenheim zum Mainzer Hauptbahnhof fährt, habe ich schon am Vorabend ein Taxi bestellt. Für Punkt 6. Alles ist fertig gepackt und steht zur Abreise bereit. Doch im Gegensatz zu mir scheint der Taxifahrer kein Problem zu haben, so früh aus den Federn zu kommen, denn schon um 10 vor 6 ist er da. Überhastet raffe ich meine Siebensachen zusammen und dann nichts wie los. Draußen gießt es in Strömen. Schon auf den paar Metern von der Haustür zum Taxi werde ich klitschnass.
Am Bahnhof kaufe ich eine Fahrkarte zum Flughafen und setze mich auf eine Bank. Der Zug kommt erst in gut zwanzig Minuten. Um die Wartezeit zu verkürzen, will ich noch einen Blick in den Reiseführer werfen. Der steckt in meinem kleinen Tagesrucksack. Aber verdammt, wo ist der Rucksack? Das darf doch nicht wahr sein! Die große Reisetasche steht neben mir, aber der kleine Rucksack fehlt. Und da ist nicht nur der Reiseführer drin, sondern auch meine gesamte Reporterausrüstung: Mikrofon, Aufnahmegerät, Kamera.
Wie soll ich Reportagen machen ohne das nötige Equipment? Den Rucksack muss ich in der Eile zu Hause vergessen haben. Ich Idiot! Jetzt noch knapp zwanzig Minuten, bis der Zug abfährt. Fieberhaft überlege ich: Wenn ich ganz schnell ein Taxi nehme, nochmal nach Bretzenheim fahre, den Rucksack aus meiner Wohnung hole, ganz schnell wieder zurückfahre, könnte ich es vielleicht noch schaffen...
Gedacht, getan. Zum Glück warten immer ein paar Taxen vor dem Bahnhof auf Kundschaft. Ich springe in das Erstbeste hinein und schildere dem Fahrer mein Problem. Er kann zwar für nichts garantieren, will es aber versuchen.
Die Uhr tickt gnadenlos. Als ich endlich mit Rucksack meine Wohnung verlasse, steht praktisch fest: Ich werde den Zug nicht mehr erreichen. Und wenn ich auf den nächsten warte, werde ich zu spät kommen. Also muss ich in den sauren Apfel beißen und mit dem Taxi zum Flughafen fahren. Statt 3,60 Euro wird mich der Transfer nun um die 50 Euro kosten. Aber immer noch besser als den Flieger zu verpassen.
Ich sitze noch nicht richtig im Taxi, da fällt mir ein, dass ich nur ein paar Euro einstecken habe, ansonsten nur amerikanische Dollars. Ich frage den Fahrer, ob er auch die Dollars nehmen würde. Nein, sagt er, aber wir könnten ja zu einem Bankautomaten fahren. Meinetwegen, dafür sollte die Zeit eigentlich reichen.
Vor meiner Bankfiliale stehen mehrere Menschen im strömenden Regen. Sehr ungewöhnlich so früh am Sonntagmorgen. "Kaputt", ruft mir jemand zu, als ich auf den Automaten zusteuere. "Stromausfall." Das ist doch nicht zu fassen! Die Texas-Reise*) steht unter keinem guten Stern. Auf, zur nächsten Bank. Dort das gleiche Spiel. Auch bei der dritten gibt's an diesem Morgen keine Knete. Hilflos schaue ich den Taxifahrer an. Ob er nicht vielleicht doch ausnahmsweise die Dollars akzeptieren könnte? Nein, aber am Flughafen gebe es ja sicher auch einen Bankomat. Okay, versuchen wir es dort.
Unterwegs sind ihm offenbar Zweifel gekommen, ob er mir trauen kann. Ob ich womöglich ohne zu zahlen verschwinde. Jedenfalls ist er vor der Abflughalle plötzlich bereit, statt der 50 Euro, die der Taxometer anzeigt, 50 Dollar zu nehmen. Vielleicht ist ihm auch klar geworden, dass er damit kein schlechtes Geschäft macht. Schließlich ist zu dieser Zeit der Dollar höher bewertet als der Euro.
Mir soll es egal sein. Hauptsache, United Airlines fliegt nicht ohne mich ab - und der Texas-Trip kann doch noch zum Erfolg werden.
*) siehe auch Reportagen: Texas 1 - 4
Früher Winterschlaf

- Papageientaucher in Island
Brjánslækur, Island, September 2011.
Seit gut zweieinhalb Stunden warten wir vor dem kleinen Café am südlichen Rand der Westfjorde. Hier (und nur hier) soll es Fahrscheine für die tägliche Fähre nach Stykkishólmur geben. Aber das Café öffnet erst um 17 Uhr. So steht es auf einem Zettel, der an der Tür hängt.
Endlich wird es fünf. Doch Pustekuchen! Nichts passiert. Um Viertel nach fünf ist immer noch keine Menschenseele zu sehen. Auch von der Fähre, die eigentlich um sechs wieder ablegen sollte, bisher keine Spur. Um 20 nach 5 rufe ich die Telefonnummer an, die ebenfalls auf dem Zettel steht. Ich lasse es mindestens zehnmal klingeln und will schon wieder auflegen, als am anderen Ende der Leitung doch noch jemand abnimmt. Was denn nun mit der Fähre und den Fahrscheinen ist, will ich wissen. Die Fähre fährt heute nicht, erfahre ich in kaum verständlichem Englisch. Und morgen? Morgen auch nicht. Wieso, will ich irritiert wissen. Laut Reiseführer fährt die Fähre täglich. Saison vorüber, lautet die Auskunft am Telefon. Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als den gesamten Breiðafjörður mit dem Auto zu umrunden. Ein Umweg von etwa 300 Kilometern!
Später erfahren wir, dass eine andere Fähre zu den Westmänner-Inseln im Süden Islands defekt war und deshalb die Fähre über den Breiðafjörður im Westen abgezogen wurde. So spät im Jahr würden sowieso kaum noch Leute mitfahren.
So spät im Jahr! Dabei haben wir gerade mal Anfang September. Aber in Island werden die Bürgersteige schon hochgeklappt. Die Insel am Polarkreis verfällt zusehends in einen frühen Winterschlaf.
Die Fähre ist nicht unsere einzige leidvolle Erfahrung. Wo wir auch hinkommen, ist die Saison vorbei. In Drangsnes am Steingrímsfjörður wollen wir die Vogelinsel Grímsey besuchen. Dort soll es scharenweise Papageientaucher geben. Die putzigen Seevögel mit den bunten Schnäbeln sind quasi die Nationaltiere Islands. Aber um diese Jahreszeit längst weg, heißt es lapidar an der Rezeption unseres Motels (wo wir übrigens die einzigen Gäste sind). Anfang August ziehen die Papageientaucher weiter. Auch davon stand nichts im Reiseführer.
Immerhin bis Ende August ist das Freilichtmuseum Ósvör bei Bolungarvík geöffnet. Hier entstand die Idee zum Island-Roman "Himmel und Hölle"*). Nur schade, dass wir wieder mal ein paar Tage zu spät dran sind und den weiten Weg umsonst gemacht haben. Warnung im Reiseführer? Fehlanzeige!
In Ísafjörður erkundigen wir uns tags darauf nach dem Boot, das uns ins abgelegene Hesteyri bringen soll, zum Schauplatz des Island-Krimis "Geisterfjord"**). Kein Boot mehr, teilt uns der freundliche Herr in der Tourist Information mit, es verkehrt nur im Sommer. Wenigstens verspricht er mir ein paar Fotos zuzumailen, sozusagen als Trostpflaster. Und noch ein anderes Trostpflaster hat er für uns: Obwohl es schon so "spät" im Jahr ist, hat am Morgen ein Kreuzfahrtschiff im Hafen angelegt. Ein Bus bringt die Touristen gerade zum Freilichtmuseum. Es wird extra für sie nochmal kurz geöffnet. Wenn wir uns beeilen, können wir uns der Führung anschließen. Also, nichts wie los und zurück nach Bolungarvík! Diese einmalige Chance, dem frühen Winterschlaf ein Schnippchen zu schlagen, dürfen wir uns nicht entgehen lassen.
Ein Gutes immerhin hat die Nachsaison in Island: Manche Preise sind nicht mehr ganz so gesalzen wie in den Sommermonaten. Unser Hotel in Reykjavik kostet am Ende der Rundreise Anfang September etwa 20 Euro weniger als noch zu Beginn des Urlaubs Ende August.
*) siehe auch Reportage: Island 1
**) siehe auch Reportage: Island 3
Pleiten, Pech und Sterne

- Luxus-Suite auf Barbados
Barbados, Oktober 2006.
Die Veranda-Tür klemmt. Draußen vor der Luxus-Suite lockt der Privat-Pool mit seinem kühlen Nass, aber der Weg dorthin ist versperrt. Die Hostess ist der Verzweiflung nahe. Da soll sie eine Hotelführung mit einer Gruppe von Journalisten aus Deutschland und der Schweiz machen, aber nichts funktioniert. Sie kann einem Leid tun, ist sie doch selbst nur für eine Kollegin eingesprungen, die zum verabredeten Termin nicht erschienen war. Dies nur eine weitere Episode in einer Serie von Pannen, die unseren Aufenthalt in der Fünf-Sterne-Herberge auf der Karibik-Insel begleitet haben.
Schon am Abend unserer Ankunft ging es los. Eine meiner Kolleginnen konnte ihre Suite nicht betreten, weil die Chipkarte falsch kodiert war. Eine andere konnte ihre Tür nicht mehr abschließen. Ich selbst war am folgenden Morgen im Schlafzimmer meiner Suite eingeschlossen. Die Klinke der Verbindungstür zum Wohnzimmer hatte sich verklemmt. Zum Glück stand ein Telefon neben dem Bett. Also rief ich bei der Rezeption an und schilderte, so gut es ging, auf Englisch mein Problem. Nach einer halben Ewigkeit hörte ich ein Klopfen an der Außentür, aber ich konnte natürlich nicht öffnen, weil ich im Schlafzimmer gefangen war. Wieder rief ich bei der Rezeption an, wieder musste ich eine halbe Ewigkeit warten, bis endlich Hilfe kam.
Diesmal hatte der Hotelangestellte offenbar daran gedacht, eine Chipkarte mitzunehmen, um die Außentür selber zu öffnen. Über den Balkon, der sowohl vom Wohnzimmer als auch vom Schlafzimmer zugänglich ist, befreite er mich aus meiner Gefangenschaft. Insgesamt eine Dreiviertelstunde hatte ich festgesessen.
Genervt und gehetzt setzte ich mich kurz darauf an den Frühstückstisch. Jetzt ein Kaffee zur Beruhigung! Aber denkste. Genau 35 Minuten dauerte es, bis die Tasse vor mir auf dem Tisch stand. Dreimal hatte ich nachgefragt, dreimal ein freundliches Nicken zur Antwort bekommen, aber keinen Kaffee.
Der Ärger setzte sich fort, als ich nach dem Frühstück meine Wertsachen im Zimmersafe verstauen wollte, aber auch hier der Schließmechanismus versagte. Mehreren Kolleginnen, hörte ich später, ging es nicht besser. Auch der Blick durchs Fenster auf eine gigantische Baustelle konnte meine Laune nicht heben. Erst ein Teil der Hotelanlage ist fertig. Drumherum entstehen weitere Gebäude mit Suiten, ein "Spa" und Pools. Bis 2009 werden die Gäste den Baulärm ertragen müssen. Keine angenehme Vorstellung.
Okay, wir waren eingeladen und mussten für den Aufenthalt in der Nobelherberge nichts zahlen. Da sieht man schon mal über kleinere Unzulänglichkeiten hinweg. Wenn ich mir aber vorstelle, ich hätte an die 400 US-Dollar pro Nacht hingeblättert, dann wäre sicher Schluss mit lustig. Und ich frage mich, wie die Herberge zu ihren fünf Sternen gekommen ist. Denn was nützt die luxuriöseste Suite, wenn es ansonsten nur Pleiten, Pech und Pannen gibt?
Wenigstens scheint das Erlebte nicht typisch für Barbados zu sein. Den Rest der Woche verbringen wir in einem anderen Hotel, das "nur" vier Sterne hat. Dort sind die Zimmer zwar nicht ganz so groß und nicht ganz so edel ausgestattet, aber alles andere funktioniert einwandfrei. Unsere Nerven werden nicht strapaziert - endlich ungetrübte Urlaubsfreude im tropischen Urlaubsparadies!*)
Und die Moral von der Geschicht': Verlass' dich auf die Sterne nicht...
*) siehe auch Reportage: Barbados
Am deutschen Wesen soll die Welt genesen?

- Deutschstämmige in Namibia
Windhoek, Namibia, Dezember 1994.
Etwas ratlos stehen Inge und ich vor dem Schalter der Autovermietung am Flughafen. Boah, ist das teuer! Die verlangen etwa 200 Mark pro Tag, das ist doppelt so viel wie in Südafrika, wo wir gerade herkommen. Ob es in der Stadt selber billiger ist?
Da fällt mir ein, dass ich die Telefonnummer einer Dame habe, die für Touristen Kontakte zu Deutschstämmigen herstellt. Ich hatte bereits einen kurzen Briefwechsel mit ihr geführt, um sicherzustellen, dass ich mögliche Interview-Partner finde. Also rufe ich die Dame an und schildere ihr unser Mietwagenproblem.
"Kein Problem", meint sie, "wir vermieten selber Autos." Der Preis, den sie nennt, ist sensationell günstig. "Wenn Sie wollen, holen wir Sie am Flughafen ab. Und wenn Sie noch keine Unterkunft haben, können Sie auch bei uns wohnen. Wir haben mehrere Appartements." Dieses Angebot lassen wir uns nicht entgehen, zumal auch der Übernachtungspreis unter unseren Erwartungen liegt.
Eine halbe Stunde später steht die Dame - nennen wir Sie Frau Gruber - vor dem Flughafen-Terminal und hilft uns, das Gepäck in ihrem Kleinbus zu verstauen. Sie ist blond, Ende 30, sie trägt einen bunten Rock und eine weiße Bluse. Irgendwie wirkt sie urdeutsch vom Scheitel bis zur Sohle.
Bei ihr zu Hause am Stadtrand von Windhoek stellt sie uns ihre Familie vor, ihren schon leicht ergrauten Mann und ihre fünf blonden Kinder. Alle sprechen astreines, unverfälschtes Deutsch, wie wir erstaunt feststellen. Die Grubers wohnen in einem eingeschossigen, aber geräumigen Haus, haben einen Swimming-pool im Garten und einen Anbau mit drei Ferienwohnungen. Eigentlich müssten wir uns auf Anhieb sauwohl fühlen, doch irgendwie erscheint uns alles ein bisschen zu perfekt.
Am Nachmittag lädt uns Herr Gruber zu einer kleinen Rundfahrt durch die Stadt ein. Unterwegs erzählt er, dass seine Familie schon seit fünf Generationen hier lebe, auch die seiner Frau. Und er zeigt uns die Sehenswürdigkeiten, alles Zeugnisse der Kolonialzeit, als Namibia noch Deutsch-Südwestafrika war: das Reiterdenkmal, die Turnhalle und die Kaiserstraße, die allerdings seit kurzem offiziell "Independance Avenue" heißt - wie Herr Gruber voller Verachtung einschränkt. Mit ebensolcher Verachtung zeigt er uns die "schwarzen" Wohnviertel der Stadt. Eigentlich sind wir hier immer noch die Herren, ist zwischen den Zeilen herauszuhören.
Auch beim gemeinsamen Abendessen der gleiche Tenor. Herr Gruber lamentiert und lästert über die schwarzen "Mitbürger", ihre angebliche Faulheit, ihre Unzuverlässigkeit, ihre mangelnde Ordnungsliebe. Ab und zu versucht seine Frau ihn etwas zu bremsen, aber ohne echte Überzeugung. Schließlich lässt auch sie kein gutes Haar an ihrer schwarzen Putzfrau, die um halb 8 Uhr morgens zur Arbeit erscheinen solle, aber vor 8 fast nie da sei. Einfach unmöglich, schimpft sie, diesen Leuten etwas Pünktlichkeit beizubringen!
Namibia habe ein großes Problem, klärt uns Herr Gruber auf. Es gebe zu wenig Wasser. Und dabei wachse die Bevölkerung unaufhaltsam. Die Schwarzen hätten einfach zu viele Kinder, behauptet er, während ich irritiert den Blick über seine fünfköpfige Schar schweifen lasse. Und, fügt er hinzu, sie würden zu sorglos mit der knappen Ressource umgehen. Kaum weniger irritiert schaue ich zum Swimming-pool hinüber, der den ganzen Tag unbenutzt blieb und dennoch nicht mal abgedeckt war, trotz glühender Hitze. Da müssen Unmengen an Wasser verdunstet sein.
Aber jeden noch so zarten Einwand von Inge oder mir tun die Grubers mit einer unwirschen Geste ab. "Ihr seid hier nicht geboren", sagen sie, "ihr könnt das nicht verstehen." Dabei verstehen wir sehr gut. In diesem wüstenhaften Lande blüht nicht viel, dafür blüht der Rassismus umso mehr. Viele Nachfahren der ehemaligen Kolonialherren scheinen immer noch nicht begriffen zu haben, dass sie hier nur geduldet sind und nicht umgekehrt. Und wenn sie sich nicht anpassen, denke ich, wird sie früher oder später das gleiche Schicksal ereilen wie die Weißen in Zimbabwe.
Irgendwie schade, finden wir, die Grubers sind eigentliche korrekte Leute, sehr hilfsbereit und vor allem sehr gastfreundlich. Aber Freunde fürs Leben werden wir wohl nicht.
Wenn der Regen fällt

- Dauerregen in Zürich
Zürich, Schweiz, August 2005.
Es regnet, schon den ganzen Tag. Seit meiner Ankunft gestern Morgen, um genau zu sein. Es war noch kein blauer Fleck am Himmel zu sehen, so lange ich in Zürich bin. Und ich werde wohl auch keinen mehr zu sehen kriegen, denn morgen muss ich schon wieder nach Hause. Es ist wie ein Fluch. Kaum jemand will noch mit mir verreisen, denn ich ziehe das schlechte Wetter an wie ein Magnet. Und das Verrückte dabei ist: Immer wieder erzählen mir die Leute, ja, bis gestern hatten wir strahlenden Sonnenschein, wochenlang.
Beispiel South Carolina, Mai/Juni 2005: Von insgesamt acht Tagen ist es zwei Tage schön, einen Tag durchwachsen und an den restlichen fünf regnet es pausenlos. Zeitweise gießt es in Strömen. Die Einheimischen sind froh, nach langer Trockenzeit. Ich nicht!
Beispiel Südschweden, Juni 2003: Bei Sonne, 27 Grad schon morgens um 11 und angekündigten 33 Grad, fliege ich vom Flughafen Hahn im Hunsrück nach Malmö. Obwohl gerade mal eine Flugstunde entfernt, herrscht ein völlig anderes Klima: regnerisch, windig und ganze 14 (!) Grad. Zwar kommt im Verlaufe der Woche ab und zu die Sonne raus, aber die Temperatur ändert sich kaum. Bis unmittelbar vor meiner Ankunft, erfahre ich, war es "für die Jahreszeit ungewöhnlich warm".
Beispiel Kentucky, Mai 2003: Ich bin keine 24 Stunden im Land, da verdüstert sich der Himmel und hellt sich bis zum Ende der Woche kaum einmal auf. Immer wieder fallen Schauer, der Fotoapparat kommt nur selten zum Einsatz. Zuvor, heißt es, hatten sie hier ein stabiles Hochdruckgebiet, einen ganzen Monat lang.
Beispiel Kalifornien, Juni 1995: Der Sonnenstaat empfängt uns noch recht freundlich, mit blauem Himmel und sommerlichen Temperaturen in Los Angeles. Mein Freund Holger und ich haben ein Auto gemietet, um den berühmten Highway No. 1 an der Pazifikküste entlang bis hinauf nach Seattle im Bundesstaat Washington zu fahren. Schon hinter Santa Barbara wird es langsam trübe, der erste Nieselregen fällt. So geht es weiter über San Francisco, durch ganz Oregon hindurch bis kurz vor dem Ziel. Fast zwei Wochen lang versteckt sich die Sonne hinter dichten Wolken. Ausgerechnet in Seattle, von dem man scherzhaft sagt, dass es dort neun Monate lang regnet und drei Monate lang nass ist, werden wir dann doch noch ein wenig entschädigt. Die Sonne scheint, es ist warm, wir können sogar einen Tag am Strand verbringen.
Aber wie dem auch sei - wenn es eines Tages so weit ist, werde ich mit Petrus wohl ein Hühnchen rupfen. Und bis dahin muss ich mir überlegen, ob ich nicht lieber mein Geld als Regenmacher in der Wüste verdienen sollte.
Übrigens - auch in Zürich*) herrscht schon an meinem Abreisetag wieder eitel Sonnenschein...
*) siehe auch Reportagen: Zürich 1 - 3
Tal der Ahnungslosen

- Taxi in Melbourne
Melbourne, Australien, März 2007.
Meine Interview-Partnerin Antje Armstroff und ich schauen uns fassungslos an. Wir sitzen in einem Taxi und wollen zu den Fitzroy Gardens*), ein großer Park mitten in der Stadt, aber der Taxifahrer (vermutlich Südamerikaner) hat noch nie davon gehört.
"In der Nähe der Kathedrale", schiebt Antje nach.
"Kathedrale?", fragt der Taxifahrer zurück.
Wieder schaue ich Antje an und stelle mir vor, ich steige in Köln in ein Taxi, sage, ich will zum Dom, und der Taxifahrer schaut mich verständnislos an: "Hä, welcher Dom?"
Das Erlebnis ist kein Einzelfall. Schon am frühen Morgen, als ich zur Dreifaltigkeitskirche fahren wollte, um mich mit Antje Armstroff zu treffen, erging es mir nicht besser. Im Gegenteil: Vor meinem Hotel wartete eine ganze Reihe von Taxen auf Kundschaft. Ich sprach den Fahrer des vordersten Wagens an und sagte ihm, ich müsse zur "Holy Trinity Church" am Parliament Place. Weil es nach dem Frühstück ein bisschen hektisch geworden war, hatte ich keine Zeit gehabt, selber auf dem Stadtplan nachzuschauen, wo genau die Kirche liegt. Aber "Parliament Place" hörte sich sehr prominent an. Dennoch schüttelte der Taxifahrer (vermutlich Pakistani) den Kopf: "Nie gehört. Wo ist das?" - "Weiß ich nicht. ICH bin doch hier der Tourist."
Schon leicht entnervt sprach ich den Fahrer des zweiten Taxis an (vermutlich Iraner oder Kurde). Aber auch der wusste angeblich nicht, wo der Parliament Place ist, und die Dreifaltigkeitskirche kannte er noch viel weniger. Außerdem, fügte er hinzu, selbst wenn er es wüsste, könnte er mich nicht fahren, weil sein Kollege zuerst dagewesen sei. "Aber der kennt sich doch überhaupt nicht aus!" - "Tja, das ist dann eben Pech."
Jetzt hätte es mich nicht mehr gewundert, wenn plötzlich Kurt Felix mit der versteckten Kamera aus dem Gully gesprungen wäre. In dieser Situation allerdings verstand ich gar keinen Spaß mehr, stapfte wutentbrannt zurück zur Hotelrezeption und fragte dort nach dem Weg. Wie sich herausstellte, war der Parliament Place gar nicht so weit weg und in 20 Minuten zu Fuß zu erreichen. Eine sehr gute Nachricht, denn diese Idioten da draußen sollten keinen müden Cent mehr von mir bekommen!
Die Taxifahrer in Sydney kannten sich übrigens keinen Deut besser aus. Bei meinem ersten Versuch wollte ich zum "Portobello Café" - sozusagen die erste Adresse an der Hafenpromenade. Kennt jeder, wurde mir vorher versichert, und ich selbst war auch schon mehrfach daran vorbeigelaufen. Zumindest dem Taxi-Chauffeur (vermutlich Serbe oder Kroate) aber war das Café völlig fremd. Zum Glück kannte ich mich zu dem Zeitpunkt schon einigermaßen aus in Sydney. "Gleich bei der Oper", erklärte ich weltmännisch, inständig hoffend, dass er von dem berühmtesten Gebäude der Stadt schon mal gehört hätte. Und tatsächlich war ihm wenigstens das Opernhaus nicht fremd. Hurra!
Beim zweiten Versuch wollte ich zur "Wildlife World". Auch dieser Taxifahrer (vermutlich Chinese) schaute mich nur mit leeren Augen an: "Wildlife World?"**) - "Ja, der neue Indoor-Zoo am Darling Harbour, neben dem Aquarium." - "Ah, Aquarium."
Der Tonfall, in dem er dieses "Ah!" gesagt hatte, räumten meine Zweifel an seiner Ortskenntnis keineswegs aus. Etwas beruhigter wurde ich erst, als er zumindest die richtige Richtung einschlug. Und tatsächlich brachte er mich am Ende ohne größere Umwege ans Ziel. Leicht ironisch sagte ich: "Na, jetzt haben Sie wieder was dazugelernt." Aber er antwortete nur treuherzig: "Yes, I learn every day from passengers." (Ja, ich lerne jeden Tag von meinen Fahrgästen.)
Na, wunderbar! Australien, das Tal der ahnungslosen - aber lernwilligen - Taxifahrer. Falls ich das ferne Land je wieder betreten und dort in ein Taxi steigen sollte, werde ich ein GPS-Gerät mitnehmen. Sicher ist sicher...
*) siehe auch Reportage: Australiens Süden 1
**) siehe auch Reportage: Sydney 3
Wir müssen draußen bleiben

- Tempelberg in Jerusalem
Jerusalem, Israel/Palästina, Mai 2008.
Kein Zugang zum Tempelberg*) mit Mikrofon oder Laptop. Die gesamte Reisegruppe wird durchgelassen - bis auf einen Kollegen mit Laptop und eben mich, der ein Mikrofon in der Tasche hat. Unser Reiseleiter redet noch mit Engelszungen auf die Security-Leute ein. Leider verstehe ich kein Wort Hebräisch, aber ihrem unwirschen Kopfschütteln ist zu entnehmen, dass sie sich nicht erweichen lassen. Auch über die Gründe wollen sie keine Auskunft geben. Sehe ich etwa aus wie ein Terrorist? Glauben sie, ich hätte Sprengstoff in meinem Mikro versteckt? Dann verstehe ich nicht, warum einige Leute mit teils monströsen Kameras kommentarlos durchgeschleust werden, denn darin könnte ein Vielfaches an Sprengstoff enthalten sein. Oder wollen sie verhindern, dass ich auf dem "heiligen" Tempelberg Tonaufnahmen mache? Okay, das hatte ich zwar wirklich vor, aber zur Not würde ich darauf verzichten, wenn sie mich nur passieren lassen. Also biete ich den Controllettis an, das Mikrofon in ihrem Gewahrsam zu belassen und den Tempelberg ohne mein Arbeitsgerät zu betreten. Auf keinen Fall!, werde ich angeherrscht. Nichts darf im Eingangsbereich herumliegen. Gehen Sie bitte 'raus, aber schnell! Irritiert suche ich noch einmal Blickkontakt mit unserem Reiseleiter. Der zuckt die Achseln. Was soll er machen? Er kann mir nur noch zurufen, wo wir uns später wieder treffen. Dann verschwindet er mit der Gruppe durch die Tür zum Allerheiligsten. Und ich bahne mir meinen Weg durch die Besucherschlange, schwimme sozusagen gegen den Strom zurück zur Klagemauer. Ich kann es immer noch nicht fassen: Seit zehn Tagen sind wir hier in Israel, seit zehn Tagen freue ich mich auf den Tempelberg in Jerusalem, auf den wunderbaren Felsendom mit seiner goldenen Kuppel und den herrlichen Mosaiken. Es sollte der Höhepunkt der gesamten Reise werden, und nun muss ich draußen bleiben – wie ein Hund vor der Metzgerei! Und das Allerblödeste dabei ist, dass der Zugang zum Tempelberg bereits eine Stunde später wieder komplett abgeriegelt wird und wir am Nachmittag zurück nach Deutschland fliegen. Es gibt also keine Möglichkeit mehr für einen zweiten Anlauf (ohne Mikro). Es gibt nur eine Möglichkeit: irgendwann wieder nach Israel zu reisen – am besten rein privat – und das Verpasste nachzuholen.
*) siehe auch Reportage: Israel 3



