Mainz 5

NACH MAINZ DER LIEBE WEGEN

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ist in vollem Gange. Erstmals nehmen Mannschaften aus 48 Ländern rund um den Erdball teil. In einer Artikel-Serie stellt die Allgemeine Zeitung Mainz Menschen aus diesen Ländern vor, Menschen, die zwar woanders geboren, aber oft schon vor vielen Jahren in Mainz sesshaft geworden sind. Wie ist ihre Lebensgeschichte? Woher kommen sie? Wie hat es sie nach Mainz verschlagen? Wie haben sie sich hier eingewöhnt? Wie verfolgen sie die WM und wem drücken sie die Daumen?
Zum Beispiel der gebürtige Ecuadorianer Gabriel Espinoza, der im Jahr 2000 aus Südamerika nach Mainz kam, der Liebe wegen. Aber die Liebe zu seiner alten Heimat am Äquator ist auch heute noch ungebrochen [weiterlesen]:

Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz, 24.06.2026):

Donnerstag, der 25. Juni 2026, ist ein ganz besonderes Datum für Gabriel Espinoza: Da feiert er nicht nur seinen 52. Geburtstag, da trifft auch seine alte Heimat Ecuador bei der Fußball-Weltmeisterschaft auf seine neue Heimat Deutschland. Das soll gebührend gefeiert werden, mit Familie und Freunden, darunter auch viele Südamerikaner. In seinem Garten im Stadtteil Münchfeld will er eine große Leinwand aufbauen und das für Ecuador möglicherweise entscheidende Spiel ums Weiterkommen bei der WM live verfolgen.
Es könnte eng werden für das Team vom Äquator. Das erste Spiel gegen die Elfenbeinküste ging unglücklich mit 0:1 verloren. Das zweite Spiel gegen Außenseiter Curaçao endete 0:0. Gegen Deutschland muss also unbedingt gepunktet werden, um nicht vorzeitig auszuscheiden.
Gabriel Espinoza ist selbst mit Straßenfußball aufgewachsen, in der Hauptstadt Quito. „Wir haben den Ball immer gegen das Tor eines Nachbarn krachen lassen“, erzählt er schmunzelnd. Auch Baseball habe er eine Zeit lang gespielt, aber hauptsächlich Fußball – auch in Ecuador die Sportart Nr. 1: „Wir sind vielleicht nicht so verrückt wie die Argentinier und die Brasilianer, aber nach Fußball kommt lange nichts mehr.“ Vor allem mit der Nationalmannschaft fieberten die Leute mit – mehr noch, glaubt er, als in Deutschland.
Seit 26 Jahren lebt er hier, mit seiner deutschen Frau Silke und zwei inzwischen fast schon erwachsenen Töchtern. Geheiratet haben sie in Mainz, aber kennengelernt haben sie sich in Quito. Silke war damals noch Schülerin und besuchte eine deutsche Freundin. Deren Eltern waren von der Mainzer Auferstehungsgemeinde als Missionare nach Ecuador entsandt worden und arbeiteten dort in einem Krankenhaus. Gabriel und seine Familie gehörten zu den wenigen Menschen evangelischen Glaubens in dem überwiegend katholischen Land. Deshalb pflegten sie engen Kontakt zu den Mainzern. Aber erst bei einem zweiten Besuch Silkes nach bestandenem Abitur funkte es zwischen ihr und Gabriel. Er selbst hatte inzwischen eine Ausbildung als Mediengestalter abgeschlossen und erste Berufserfahrung gesammelt. So stürzte er sich ins Abenteuer, wie er heute sagt, und folgte Silke nach Mainz.

Gabriel Espinoza mit traditioneller Maske

Obwohl er nur wenig Deutsch sprach, hatte er Glück und fand schnell einen Job beim Südwestrundfunk (SWR). "Am Anfang hab' ich nur Kopien von Video- und Audiobändern erstellt; da musste ich nicht viel reden, musste nur verstehen, was kopiert wird." Aber er lernte fleißig die Sprache und entwickelte sich beruflich weiter. Heute spricht er perfekt Deutsch, ist Ingenieur vom Dienst am SWR-Standort Mainz und hat vor allem mit Organisation zu tun. So soll er zum Beispiel sicherstellen, dass im sogenannten K-Fall, also bei Katastrophen und anderen medialen Großereignissen, alle Standorte des Senders ohne bürokratische Hürden auf sämtliches Bild- und Tonmaterial zugreifen können.
Ursprünglich sei der Plan gewesen, dass er mit Silke nach Abschluss ihres Lehrerstudiums nach Ecuador zurückkehrt. Aber es kam anders. Längst hat Gabriel die deutsche Staatsbürgerschaft und betrachtet Mainz als seine neue Heimat. Die Mainzer Lebensart habe ihm geholfen, sich hier einzugewöhnen: "Das ist schon ein besonderes Völkchen – sehr offen, bodenständig und immer in Feierlaune." Auch das vergleichsweise milde Klima gefällt ihm. Anders als etwa auf der Ostseeinsel Rügen, wohin ihn Silke gleich nach seiner Ankunft "entführte", um ihm "etwas Deutsches" zu zeigen. "Es war im Oktober, alles grau und windig, das Wasser kalt, einfach ungemütlich." Damals habe er beschlossen, niemals weiter nördlich als Mainz zu leben, und das gelte bis heute.
Alle zwei Jahre macht Gabriel Espinoza mit seiner Familie Urlaub in der alten Heimat. Denn er vermisst seine große Verwandtschaft mit allein 70 (!) Cousins. Die Großfamilie gelte dort immer noch als Ideal. "Man kommt öfter zusammen, das ist positiv, aber es gibt auch mehr Streitigkeiten innerhalb der Familie", schränkt er ein. Ganz zurück will er nicht mehr. Schon aus finanziellen Gründen: "Wenn ich hier lebe, kann ich es mir leisten, alle zwei Jahre nach Ecuador zu reisen; wenn ich in Ecuador wäre, könnte ich nicht alle zwei Jahre nach Deutschland kommen."
Wem er am Donnerstag beim WM-Duell die Daumen drückt? – Ecuador "natürlich". Dort sei er geboren und aufgewachsen: "Das prägt." Sollte das Team jedoch nach der Vorrunde ausscheiden, wird er mit fliegenden Fahnen ins deutsche Fan-Lager wechseln.

 

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Hinweis:

Ecuador hat das Spiel mit 2:1 gewonnen und sicherte sich als Gruppendritter das Weiterkommen, während Deutschland schon vorher als Gruppensieger festgestanden hatte. Im Sechzehntelfinale war dann allerdings für beide Teams Schluss: Deutschland schied mit 3:4 nach Elfmeterschießen gegen Paraguay aus, Ecuador tags darauf mit 0:2 gegen Mexiko.

 

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