Mainz 6
PEGELSTAND IM FREIEN FALL
- Personenschifffahrt in Not
Am Mainzer Rheinufer kann man schon fast mitzusehen, wie der Pegelstand von Tag zu Tag sinkt. 2,88 Meter sind der Durchschnittswert. Am Sonntag, 2. August 2026, 9:30 Uhr, liegt er bei 1,30 Meter. Schon wenige Stunden später bei 1,26. Er befindet sich also im freien Fall. Da ist es nicht mehr weit bis zum historischen Tiefststand von 1,10 Meter, gemessen am 2. November 1947 – also vor fast acht Jahrzehnten! Das Niedrigwasser ist nicht nur ein Problem für die Frachtkähne auf dem Rhein, die teils nur mit halber Ladung fahren können. Auch die Personenschifffahrt hat darunter zu leiden:
Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz, 03.08.2026):
„Das hab’ ich noch nie erlebt“, sagt der Kapitän eines Flusskreuzfahrtschiffs, das in der Nähe der Theodor-Heuss-Brücke „vor Anker“ liegt. Eigentlich hat ihm ja seine Reederei untersagt mit der Presse zu sprechen (warum auch immer), aber bei einer Tasse Kaffee auf dem Sonnendeck plaudert er doch ein wenig aus dem Nähkästchen: Seit 30 Jahren sei er nun auf dem Rhein unterwegs, einen so niedrigen Pegelstand habe es in dieser Zeit noch nicht gegeben. Das mache das Navigieren schwer: „Man muss eine gute Ortskenntnis haben.“ Aber die hat er in all den Jahren erworben. Die momentan gefährlichste Stelle sei gar nicht mal im engen Mittelrheintal, solange man in der Fahrrinne bleibe, sondern eine Untiefe in der Nähe von Oestrich-Winkel, wo das Schiff auf Grund laufen könne.
Auch beim Anlegen in Mainz gab es diesmal Schwierigkeiten. Die dem Ufer zugeneigte Seite des Schiffes hat Bodenkontakt, und bis zum Steiger, wie der schwimmende Schiffsanleger genannt wird, klafft eine Lücke von rund einem Meter. Zum Glück keine unlösbaren Probleme. Die Passagiere konnten, wie geplant, von Bord gehen, und die Weiterreise Richtung Köln ist wohl auch nicht gefährdet.
Bei einem anderen Kreuzfahrtschiff, das in Mainz Station gemacht hat, wird die Reise dagegen vorzeitig enden. Wie das Bordpersonal berichtet, sollte es eigentlich über den Main, den Main-Donau-Kanal und die Donau bis nach Budapest gehen. Weil aber auch der Wasserstand der Donau zu niedrig ist, werde die Fahrt schon in Nürnberg vorbei sein.
Noch größere Flusskreuzfahrtschiffe mit mehr Tiefgang allerdings müssen zurzeit auch um Mainz einen Bogen machen, weil die Anfahrt zum Steiger für sie nicht mehr möglich ist. Wenn es um die Routenplanung geht, heißt es für die Reedereien dieser Tage also: flexibel sein und notfalls für Ersatz sorgen. Zwischen Bingen und Koblenz setzen manche sogar Busse ein, um die Passagiere zu den Orten zu bringen, wo eigentlich ein Zwischenstopp eingelegt werden sollte – eine Art „Schienenersatzverkehr“ auf dem Wasser also. Im schlimmsten Fall muss die komplette Kreuzfahrt abgeblasen werden. Das aber ist beim aktuellen Niedrigwasser bislang nicht passiert.
Anders bei den Fahrgastschiffen der Köln-Düsseldorfer (KD) etwa. Da fallen viele Routen im Oberen und Unteren Mittelrheintal aus. Betroffen ist auch das Ausflugsschiff „MS Godesburg“. Es sitzt derzeit in Mainz fest. Die werktägliche Tour nach St. Goarshausen kann bis auf Weiteres nicht stattfinden. Allgemein bittet die Reederei auf ihrer Webseite um Verständnis für Einschränkungen und Verspätungen, die mit dem Niedrigwasser zusammenhängen. Einzelne Landebrücken seien gerade sehr steil. Die Passagiere sollten beachten, dass das Bordpersonal aus versicherungstechnischen Gründen beim Ein- und Aussteigen nicht helfen dürfe; Fahrräder, Anhänger und E-Bikes müssten von den Fahrgästen selbst an Bord und wieder heruntergebracht werden. Menschen mit eingeschränkter Mobilität seien auf die Mithilfe ihrer Mitreisenden angewiesen, heißt es seitens der KD. Gleichzeitig weist die Reederei aber darauf hin, dass einige Ausflugsfahrten trotz Niedrigwassers wie gewohnt stattfinden könnten. Dazu zählten sonntägliche Inselrundfahrten von Mainz und Wiesbaden um die Mariannenaue unweit von Ingelheim sowie Schiffsweinproben im Rheingau und in Rheinhessen.
Für die Mainzer Wirtschaft haben die Probleme der Personenschifffahrt durch den niedrigen Pegelstand bisher keine großen Auswirkungen. So schätzt es zumindest die städtische Tourismus-Gesellschaft „mainzplus“ ein. Zwar würden einige Kreuzfahrttouristen nicht nach Mainz kommen, weil ihre Schiffsroute geändert wurde, doch kämen andere neu hinzu, die Mainz ursprünglich gar nicht auf dem Plan gehabt hätten. Damit würden sich Gewinn und Verlust in etwa die Waage halten.
Dennoch könnte sich die Lage zuspitzen, wenn es, wie von den Meteorologen vorhergesagt, auch in den kommenden Tagen und Wochen keinen ausreichenden Regen geben sollte und der Pegelstand weiter in den Keller geht. Michael Hoffmann vom für Mainz zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein, Außenbezirk Wiesbaden, jedenfalls rechnet damit, dass der historische Tiefststand von 1947 noch in diesem Sommer gebrochen wird. Dann würde es auch für die Kreuzfahrtschiffe immer schwerer, in Mainz Station zu machen.
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