Ruanda 5


TOTENSTILL
- die Genozid-Gedenkstätte von Nyamata

In Ruanda herrschen seit Jahren stabilere politische Verhältnisse als in manchen Nachbarländern. Trotzdem kommt der Tourismus nur schleppend in Gang, nicht zuletzt weil das Image seit dem Völkermord von 1994 arg ramponiert ist. Damals kamen Schätzungen zufolge mehr als eine Million Menschen ums Leben. Der Jahrzehnte lange Konflikt zwischen den Volksgruppen der Hutu und der Tutsi war zu einem grausamen Massaker eskaliert, bei dem Soldaten der Hutu-Regierung, Milizionäre und radikalisierte Zivilisten Angehörige der Tutsi-Minderheit und gemäßigte Hutu wahllos abschlachteten. Statt einzugreifen, schaute die Weltöffentlichkeit betreten weg. Beendet wurde der Genozid erst durch den militärischen Sieg der Tutsi-Rebellenarmee.
Deren Partei, die FPR, ist seither in Ruanda an der Regierung und betreibt eine Politik der Aussöhnung. Bislang mit Erfolg. Inzwischen wurden auch mehrere Gedenkstätten eingerichtet, die an den Völkermord erinnern und vor einem Wiederaufflammen der ethnischen Konflikte warnen sollen. Eine davon ist die ehemalige Kirche in Nyamata, eine knappe Autostunde südlich der Hauptstadt Kigali. Wo heute Totenstille herrscht, wurden am 15. April 1994 an die 10.000 Menschen auf grauenhafte Weise getötet.

Reportage (Radio hr4, 12.06.2010):

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo: Kirchenglocke]

Das Läuten der Glocke kommt von nebenan. Die alte Kirche von Nyamata wird seit dem Massaker von 1994 nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Über dem Eingang hängt ein Transparent, auf dem in ruandischer Sprache zu lesen ist:

[Atmo-Ton Dolmetscherin:]
"Iyo uza kwimenya nanjye ukamenya ntuba waranyishe."

Das, erklärt unsere Dolmetscherin, bedeutet: "Hättest du dich selbst gekannt und auch mich gekannt, hättest du mich nicht getötet." Der Satz ist wahlweise als Frage oder als Aussage zu verstehen. Und er zeigt die ganze Fassungslosigkeit der Nachwelt über das massenhafte sinnlose Töten von Unbekannten ebenso wie von ehemaligen Freunden – einzig und allein weil das Wort "Tutsi" in ihren Pass gestempelt war.

[O-Ton André Kamana auf Kinyarwanda:]
"In die Kirche hatten sich bis zu 10.000 Menschen geflüchtet", berichtet der Zeitzeuge André Kamana. "Sie hatten gehofft, wenn sie alle zusammenstehen, dass ihnen nichts passieren kann, aber es ist dann doch anders gekommen."

Der wütende Mob zündete Granaten und sprengte den Eingang frei. Die Breschen in der Mauer und die Einschläge der Granatsplitter sind heute noch zu sehen. Dann stürmte die Mörderbande die Kirche und schlug mit Macheten einen nach dem anderen tot.

[O-Ton André Kamana auf Kinyarwanda]
"Nur zwei Kinder, die unter eine Kirchenbank gefallen waren, überlebten. Nur zwei Menschen von zehntausend. Die beiden wurden nicht aus Mitleid verschont, sondern man hat sie ganz einfach übersehen."

Transparent in der Gedenkstätte
Kleider der Ermordeten
Gräber

Nicht nur in der Kirche richteten die Mörder ein Blutbad an. Insgesamt kamen in Nyamata und Umgebung etwa 70.000 Menschen um. André Kamana kam nur deshalb mit dem Leben davon, weil er sich in den Sümpfen vor der Stadt versteckt hatte.

Über die Kirchenbänke sind heute Tausende von Hosen, Hemden und Röcken verteilt – jedes Kleidungsstück ein Symbol für einen Ermordeten. Und in einer Grabkammer neben der Kirche wurden die Schädel der Opfer aufgereiht, einzelne mit eingeritztem Namen, die meisten anonym. Für uns Besucher ist der Anblick so beklemmend, dass wir erst Stunden später darüber reden können.

[O-Töne Besucher:]
"Das erschüttert einen. Man stellt sich das kaum vor, aber es war halt Realität, mit welcher Grausamkeit Nachbarn, nur weil sie einer anderen Ethnie angehörten, über Nacht dann hingemetzelt wurden."
"Es hat mich sehr berührt, auf diesem Boden zu stehen, auf dem diese Grausamkeiten passiert sind. Ich hab’ so was noch nicht erlebt, und ich werd’ das bestimmt nicht vergessen."

Auch in Ruanda bleiben die Geschehnisse unvergessen. Doch von dem gegenseitigen Hass ist kaum noch etwas zu spüren. Das mag auch damit zusammenhängen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung unter fünfzehn Jahre alt ist, zum Zeitpunkt des Völkermords also noch gar nicht geboren war. Und die jungen Leute fühlen sich immer weniger als Hutu oder Tutsi, sondern immer mehr als Ruander.

 

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