Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Diese Erkenntnis des Dichters Matthias Claudius von 1786 gilt auch heute noch. Und ganz besonders für einen "reisenden Reporter". Drum möchte ich mit dieser Rubrik die Gelegenheit nutzen, Geschichten zu erzählen von Ereignissen, Erlebnissen und Kuriositäten – und zwar losgelöst von einzelnen Reisezielen. Die Rubrik soll in unregelmäßigen Abständen fortgeführt werden. Den Anfang macht eine Geschichte, die vor allem Menschen interessieren könnte, die häufig mit der Bahn unterwegs sind.
"Sonderzug nach Lummerland"
- lustige Zielanzeigen der Vlexx-Bahnen
Na, haben Sie auch schon mal auf einem kalten, zugigen Bahnsteig gestanden, Ihr Zug hatte wieder mal Verspätung und Ihre Laune näherte sich allmählich dem Nullpunkt? So geht es auch vielen Fahrgästen am Mainzer Hauptbahnhof. Aber dann rollt plötzlich auf dem Nachbargleis ein blauer Triebwagen der Vlexx GmbH vorbei, und die gute Laune kehrt zumindest für einen kurzen Moment wieder zurück. Der Grund: Auf der Stirnseite des Zuges werden oft in Leuchtschrift fröhlich oder gar lustig klingende Fahrtziele und Botschaften angezeigt. Statt "Frankfurt (Main) Hbf" oder "Saarbrücken Hbf" steht dann da zum Beispiel "Ei gude!", "Nächster Halt: Bett" oder eben "Lummerland Hbf".
Titelfoto: "Sonderzug nach Lummerland" im Mainzer Hauptbahnhof
Reportage (nur für diese Webseite), veröffentlicht am 05.02.2026:
Die kleine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer – alle Fans der Augsburger Puppenkiste kennen sie bestens und viele andere natürlich auch. Ein kleines Eiland, welches Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer mit ihrem alten Dampfross "Emma" tagtäglich mehrmals umkreisen. Ein Eiland aber auch, welches nur der Phantasie des Kinderbuchautors Michael Ende entsprungen ist. Dass "Lummerland" als lustiges Fahrtziel an den Vlexx-Zügen aufleuchtet, geht letztlich auf einen ehemaligen Mitarbeiter der Betriebsplanung zurück, erzählt Frauke Blech, die Pressesprecherin des Mainzer Bahnbetreibers. Vor rund einem Jahrzehnt hatte er die Idee zu den etwas anderen Zielanzeigen und stieß damit im Unternehmen auf offene Ohren:
[O-Ton Frauke Blech:]
"So fing das dann langsam an mit so ersten Texten wie 'Zug fährt schlafen', oder 'Kaffeepäuschen', also das waren so die ersten eher lustigen Zielanzeigen, die wir integriert haben. Das ist dann über die letzten Jahre so gewachsen, dass wir viele neue Zielanzeigen dazugenommen haben, weil zum Teil Vorschläge aus dem Betrieb kamen, aber auch hier aus der Verwaltung kamen Vorschläge, und so hat sich das gesammelt, natürlich hat sich das Marketing auch miteingeschaltet, und so haben wir mittlerweile über hundert Zielanzeigen, also neben diesen Standard-Zielanzeigen, die die Orte und die Linie anzeigen."
Denn Lummerland & Co. kommen nur zum Einsatz, wenn die Züge sozusagen außer Dienst sind, wenn sie längere Zeit am Bahnsteig stehen, wenn sie ins Depot fahren oder in die große Wartungshalle neben dem Bahnhofsgelände. Dann kann es sein, dass ein "Triebfahrzeugführender", wie es im Fachjargon heißt, auf sein Display schaut, durch die lange Liste scrollt und dann die Zielanzeige auf "Hogwarts Express" stellt oder auf "WARP-Geschwindigkeit" oder oder oder. Die Auswahl ist seit Beginn vor zehn Jahren enorm gewachsen. Und jeder hat so seine persönlichen Favoriten, auch Frauke Blech:
[zum Anhören klicken: O-Ton Frauke Blech]
"Also, ich bin ja so 'n Science-fiction-Fan, und für mich wäre das tatsächlich 'Zurück in die Zukunft', weil das auch einer meiner Lieblingsfilme ist, und das finde ich dann immer ganz witzig."
Die Reaktionen auf die lustigen Zielanzeigen seien bislang durchweg positiv. Es habe zwar noch keine eigenen Umfragen unter den Bahnreisenden gegeben, aber die zahlreichen Fotos und Kommentare auf Social-media-Plattformen sprächen Bände.
[O-Ton Frauke Blech:]
"Es wird auch innerbetrieblich gut aufgenommen. Wir haben eine Mitarbeiter-App, und da geben wir das auch mal 'rein: 'denkt dran, wir haben neue Texte'. Also, wenn wir neue Zielanzeigen haben, dann kommunizieren wir das auch intern, damit es unsere Kolleginnen und Kollegen im Betrieb draußen auch wissen. Und auch da gibt es positive Rückmeldungen: 'ja, gute Idee', 'find’ ich gut'. Und es wird auch gern genutzt."
Denn die Zeit bleibt nicht stehen. Es gibt immer neue Trends, und neue Vorschläge – auch seitens der Fahrgäste – werden gerne aufgegriffen. Deshalb kommt Jahr für Jahr ein Update. Vorher wird geschaut, welche Texte sind noch aktuell, welche kann man vielleicht ’rausschmeißen, welche kann man vielleicht hinzufügen. Erst kürzlich neu mit aufgenommen in die Liste wurden deshalb zwei Zielanzeigen mit Pokémon-Bezug. Ob und wie oft sie zum Einsatz kommen, hängt von den "Triebfahrzeugführenden" ab. Jahreszeitlich wiederkehrende Klassiker wie "Helau" oder "Frohe Ostern" dagegen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit schon bald wieder für (etwas) bessere Laune sorgen am Mainzer Hauptbahnhof.
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EISENBAHNER MIT HUMOR
- die Mainzer Vlexx GmbH
Das Bahnunternehmen mit den humorvollen Zielanzeigen bedient seit 2014 Strecken im sogenannten Dieselnetz Südwest – vor allem in Rheinland-Pfalz, aber auch im Saarland und in Hessen. Im Sommerhalbjahr gibt es zudem eine Verbindung nach Weißenburg/Wissembourg im Elsass. Vlexx bedeutet demgemäß "Vier-Länder-Express" und war das Resultat eines Namenswettbewerbs, an dem sich auch die Öffentlichkeit beteiligen konnte.
Die wichtigste Verbindung im Vlexx-Streckennetz ist der RE 3 von Frankfurt am Main über Mainz, Bad Kreuznach und Idar-Oberstein nach Saarbrücken. Zu erkennen an den blauen Diesel-Triebwagenzügen vom Typ Alstom LINT (= Leichter innovativer Nahverkehrstriebwagen). Nur im Saarland sind auf einigen Strecken weiß lackierte Elektro-Triebwagen vom Typ Bombardier Talent 3 im Einsatz.
Sitz der Vlexx GmbH ist Mainz. Dort gibt es unweit des Hauptbahnhofs nicht nur ein modernes Verwaltungsgebäude, sondern auch ein Betriebswerk, wo die "Blaue Flotte" regelmäßig gecheckt und gewartet wird. Dazu gehört eine vollautomatische Waschanlage; sie ist so groß, dass drei Zugeinheiten hintereinander hineinpassen.
Laut der Webseite von Vlexx befördern ihre Bahnen jährlich 14 Millionen Menschen. Die allerdings brauchten besonders in der Anfangszeit ebenfalls viel Humor, denn die Züge des damals neuen Anbieters fielen häufig aus oder hatten Verspätung; es gab einfach nicht genug Personal. Alles musste sich erst einspielen. Heute sieht die Pünktlichkeitsbilanz besser aus, auch wenn immer noch nicht alles nach Plan läuft – wie Kritiken von Fahrgästen auf einschlägigen Internet-Portalen zeigen. Ich selbst allerdings habe bisher noch keine negativen Erfahrungen gemacht, wenn ich mit Vlexx-Zügen unterwegs war.
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