Mainz 2
GÄSTE-BOOM
- warum immer mehr Touristen kommen
Was hat Mainz mit den Metropolen New York, Rio, Tokio gemeinsam? Einen neuen Rekord beim Tourismus im vergangenen Jahr! In Mainz waren es zuletzt 1,19 Mio. Übernachtungen, ein Plus von 2,6 Prozent gegenüber 2024. Das klingt zunächst nicht allzu beeindruckend, aber es war mehr als der Landes- und auch mehr als der Bundesdurchschnitt. Und es war der dritte Rekord in Folge. Warum besuchen immer mehr Menschen die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt? Woher kommen sie? Woher kannten sie Mainz? Welche Erwartungen hatten sie? Und wie gefällt es ihnen hier? Um das herauszufinden, haben wir Touristinnen und Touristen bei zwei Stadtführungen begleitet – eine in deutscher und eine in englischer Sprache. Denn gut dreiviertel aller Gäste in Mainz kommt aus Deutschland, knapp ein Viertel aus aller Welt.
Titelfoto: Stadtführung mit Annette Jucknat
Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz):
Annette Jucknat ist unser Tourguide bei der deutschsprachigen Führung. Sie empfängt uns vor der Tourist-Information am Markt und begleitet uns für die nächsten anderthalb Stunden auf einem Rundgang durch das „Goldene Mainz“. Der Titel der Führung, erzählt sie, bezieht sich auf die mittelalterliche Bezeichnung „Aurea Moguntia“, wie Mainz wegen seines Reichtums und der herausragenden Stellung der Kurfürst-Erzbischöfe genannt wurde. Die Tour führt vom Markt Richtung Rheinufer, über den Fischtorplatz zurück zum Markt, von dort zum Gutenbergplatz und über den Ballplatz durch die Altstadt bis zum Kirschgarten. Es wird ein Querschnitt durch die lange Geschichte der Stadt von der Römerzeit bis heute.
Zwischen den einzelnen Stationen der Tour gibt es immer mal wieder Gelegenheit mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Dabei stellt sich heraus, dass auffällig viele aus Köln und Umgebung angereist sind. Kein Zufall, wie auch Annette Jucknat bestätigt. Durch den Karneval sei ihr Interesse an Mainz geweckt worden, meint ein Kölner Ehepaar. Zwei junge Damen aus dem Rhein–Erft-Kreis machen gerne zusammen Städtereisen, waren letztes Jahr in Heidelberg und Speyer, da kamen sie auch an Mainz vorbei und wollten es jetzt endlich mal besuchen. Sie lassen sich gerne von Reise-Dokus im Fernsehen inspirieren. Ihnen gefällt die Mischung aus Altem und Neuem. Sie wollen sich auch noch Wiesbaden anschauen und einen Abstecher nach Rüdesheim machen. Eine vierköpfige Gruppe aus der Nähe von Stuttgart hat sich für einen Wochenendtrip nach Mainz entschieden, weil es mit der Bahn gut zu erreichen sei. Sie interessieren sich für die Geschichte der Stadt und haben sich Karten für das „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF besorgt. Auch das Ehepaar aus Köln wollte gern zum ZDF und hat dort bereits am Vortag an einer Führung teilgenommen.
Nicht wenige Gäste haben eine persönliche Beziehung zu Mainz. Ein Ehepaar aus Nordhessen erzählt, sie hätten vor dreißig Jahren eine Zeitlang hier gelebt, seien damals aber beruflich stark eingebunden gewesen und hätten deshalb kaum Gelegenheit gehabt, die Stadt richtig kennenzulernen. Das wollten sie jetzt nachholen und als Höhepunkt am Abend eine Oper anschauen. Ein junger Familienvater berichtet, er sei in Mainz geboren, aber in Düsseldorf aufgewachsen. Er habe viele Jahre im Ausland gelebt, zuletzt in den USA, und wollte seinem zwölfjährigen Sohn jetzt seine Heimatstadt zeigen. Und der Junior? Dem gefällt es, vor allem das deutsche Essen. Die Mutter ist Spanierin und ebenfalls zum ersten Mal in Mainz. Als studierte Philologin interessiert sie sich besonders für Johannes Gutenberg. Deshalb waren sie auch schon zusammen im Museum.
Die Gründe, Mainz zu besuchen, sind also so vielfältig wie die Stadt selbst. Das zeigt sich auch tags darauf bei der englischsprachigen Führung mit Claudia Krehl. Ihre Tour führt vom Markt über den Alten Dom St. Johannis, den Leichhof und die Augustinerstraße und endet mit einer Besichtigung des Hohen Doms St. Martin. Die Gruppe ist deutlich kleiner: zwei junge Italienerinnen und eine Familie aus South Carolina in den USA. Amerikaner zählen zu den häufigsten ausländischen Nationen, die nach Mainz kommen, neben Franzosen und Spaniern, erklärt Claudia Krehl. Hauptattraktionen seien Gutenberg, die Chagall-Fenster in der Stephanskirche, das Jüdische Welterbe und der Wein.
Die Familie aus South Carolina dagegen hatte keine festen Vorstellungen von dem, was sie in Mainz erwarten würde. Sie kamen auf Einladung ihrer Schwiegertochter in spe aus Bad Kreuznach. Ihr Verlobter, der jüngere Sohn, sei bei der US-Armee in Wiesbaden stationiert, und sie wollten ihn in Deutschland besuchen, bevor sein Militärdienst hier zu Ende geht. Der ältere Sohn hatte schon von Mainz gehört, durch die Fußball-Bundesliga. Er habe selbst nach der Schule „Soccer“ gespielt, erzählt er, und zocke gerne das Video-Spiel „FIFA“ auf der Playstation. Daher kenne er Mainz 05. Der Name Gutenberg als Erfinder des Buchdrucks hingegen sei ihnen zwar bekannt gewesen, nicht aber seine Verbindung zu Mainz. Dennoch teilen Vater und Sohn das Interesse an Geschichte. Die Altstadt gefalle ihnen sehr: „Wir lieben es, wir haben ja in den USA nicht so viele historische Städte.“
Die beiden jungen Damen aus der Nähe von Neapel wollten eigentlich ein verlängertes Wochenende in Frankfurt verbringen, aber sie fanden es dort auf Dauer zu langweilig, deshalb folgten sie einer Empfehlung von Freunden und machten einen Ausflug nach Mainz. Hier gefällt es ihnen besser als in Frankfurt: eine lebendige Stadt zum gemütlichen Herumschlendern, so ihr Eindruck. Begeistert hat sie vor allem der Dom, aber auch die römische Vergangenheit, in der sie Teile ihrer eigenen italienischen Geschichte wiederfanden.
Zum Schluss beider Führungen die Frage an alle: Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann zurückzukommen ins „Goldene Mainz“? Die Antworten reichen von „ja, warum nicht?“ bis hin zu „ja, auf jeden Fall!“. Kein einziges Nein ist zu hören, nicht mal ein unentschlossenes Schulterzucken. Dennoch werden die beiden Stadtführerinnen gelegentlich auch mit Kritik konfrontiert. So berichtet Claudia Krehl, dass manche Gäste die Stadt zu schmutzig fänden und/oder sich über die vielen Baustellen beschwerten. Zudem seien manche enttäuscht, dass seit der Corona-Pandemie keine Weinproben mehr angeboten würden. Es fehle eine Vinothek in der Stadt.
Ihre Kollegin Annette Jucknat hat schon Klagen gehört, dass die Grünphasen an den Fußgängerampeln zu kurz seien. Dies falle ihr auch selbst immer wieder auf, wenn sie mit einer größeren Gruppe unterwegs sei. Außerdem zeigten sich einige Gäste enttäuscht, dass das Museum für Antike Schifffahrt geschlossen ist, nachdem sie es zuvor gegoogelt und gerne besucht hätten.
Es gibt also noch das eine oder andere zu verbessern, damit Mainz für Touristen weiterhin attraktiv bleibt und auch künftig den Metropolen New York, Rio, Tokio nacheifern kann.
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