Mainz 3


IM WINTER PIZZABÄCKER, IM SOMMER STRASSENJONGLEUR

Manche fühlen sich von ihnen genervt, andere fühlen sich bestens unterhalten. Die Rede ist von den Straßenjongleuren, die seit einigen Wochen wieder an belebten Kreuzungen ihre Kunststücke vorführen. Sie nutzen die Rotphasen der Ampeln, um auf mehr oder minder virtuose Art Bälle oder andere Gegenstände in die Luft zu werfen und möglichst gekonnt wieder aufzufangen, ohne dass sie zu Boden fallen. Kurz bevor die Ampel auf Grün springt, laufen die Jongleure an der Schlange der wartenden Autos entlang und bitten um eine Geldspende. Wer sind diese meist jungen Leute? Woher kommen sie? Wie haben sie das Jonglieren gelernt? Ich habe mit einem von ihnen gesprochen und möchte ihn gerne vorstellen:

Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz, 30.05.2026):

Mattia Gomaraschi – Künstlername: Matti – ist ein ganz besonderer Straßenjongleur. Ich treffe ihn an der großen Kreuzung im Mainzer Stadtteil Gonsenheim, wo die Weserstraße von Norden und die Koblenzer Straße von Süden auf die Mainzer Straße treffen. Hier sind häufig Jongleure zu beobachten, weil die Ampelphasen bis zu einer Minute dauern. Genug Zeit für eine kurze artistische Vorführung und anschließende noch kürzere Sammelaktion. Auch Matti kommt deshalb gerne hierher. Aber er wirft nicht nur gekonnt seine drei Keulen in die Luft, er balanciert dazu noch auf einer Leiter. Schon fast zirkusreif, seine Nummer. Vor fünf Jahren hat er mit dem Jonglieren angefangen, erzählt der 29-Jährige auf Englisch in einer Verschnaufpause: „Ich habe es ein paar Mal probiert mit Freunden, hab mich gleich darin verliebt. Sie fragten mich, ob ich mit ihnen komme und lerne, wie man richtig jongliert. Das hat mir gut gefallen: das Reisen, die glücklichen Menschen. Das hat auch mir ein gutes Gefühl gegeben. Ich konnte fremde Städte kennenlernen, verschiedene Kulturen.“
Viele der Jongleure sind aus Südamerika. Auch Pablo, der Kollege, der sich an diesem Tag die Gonsenheimer Kreuzung mit Matti teilt, ist Chilene. Er selbst aber kommt aus Italien, genauer gesagt: aus dem Trentino im Norden des Landes. Seine Familie betreibe dort mehrere Restaurants. Er habe von klein auf mitgearbeitet. Und auch jetzt noch kehre er jeden Winter in seine Heimat zurück und helfe beim Pizzabacken.
In der warmen Jahreszeit reist Matti quer durch Europa, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Kreuzung zu Kreuzung. Seit einem Monat pendelt er zwischen Frankfurt, Wiesbaden und Mainz. Übernachtet mal im Hostel, auch schon mal unter der Brücke, berichtet er grinsend, selten im Hotel, meistens in seinem kleinen Auto. Und häufig auch bei Kollegen aus der Jonglierszene. Denn es sei eine große internationale Community: „Wenn man das eine Weile gemacht hat, findet man viele Freunde, und man wächst eng zusammen“, berichtet er. Um noch mehr Gleichgesinnte kennenzulernen, besucht er zudem regelmäßig die „European Juggling Convention“, ein großes Festival für Jongleure, das jeden Sommer in einem anderen Land stattfindet, zuletzt 2025 im niederländischen Arnheim.

Matti jongliert auf einer Leiter

Irgendwann möchte Matti selbst Profi werden, im Zirkus auftreten. Aber bis dahin sei es noch ein weiter Weg. Am Anfang habe er jeden Tag bis zu acht Stunden trainiert: „Als Jongleur braucht man viel Übung, aber auch als Pizzabäcker braucht man fünf Jahre, um den Job zu beherrschen.“
Vor einem Jahr habe er dann noch die Leiter als zusätzliches Element in seine Show eingebaut. „Im ersten Monat habe ich einen Tag damit gearbeitet, dann war ich so kaputt, dass ich zwei Tage schlafen musste; das ist sehr anstrengend, und man muss dauernd aufpassen auf den Verkehr, dass man nicht umfällt und von einem Auto überfahren wird.“ Die oberste Sprosse der Leiter ist 1,50 m hoch, sein Kopf dann auf einer Höhe von mehr als drei Metern. „Wenn man stürzt, kann es sehr schmerzhaft werden, du kannst dir das Bein brechen oder sogar den Hals.“ Es fühle sich an, als ob man fliegen würde, aber man dürfe sich keine Fehler erlauben, und man brauche einen guten Gleichgewichtssinn. „Man muss also immer sehr fokussiert sein, aber dann macht es richtig Spaß und gibt eine gute Energie.“
Immer wieder bekomme er anerkennende Worte von Menschen, die selbst beruflich auf Leitern steigen müssen. Die zeigten sich dann beeindruckt, was man alles damit machen kann. Überhaupt seien die Reaktionen der Autofahrerinnen und Autofahrer, gerade in Deutschland, überwiegend positiv. Nur selten erlebe er Ablehnung. „Erst gestern hab ich hier ein älteres Ehepaar getroffen; die haben gesagt, ich soll mal zeigen, was ich kann. Also gab ich mein Bestes, und sie haben freudig gelächelt. Dann bin ich mit meinem Hut los; bei den ersten beiden Autos hatte ich kein Glück, beim dritten Auto hat eine Frau die Scheibe heruntergelassen und gesagt: ‚Warum machst du das? Das ist doch gefährlich.‘ Sie fand es nicht gut. Das war lustig, weil ich im selben Moment zwei ganz unterschiedliche Reaktionen bekommen habe.“

Matti geht mit dem Hut von Auto zu Auto

Und was bringt er so ein, sein Job? In der Stunde zwischen 15 und 40 Euro, verrät Matti offenherzig. Am großzügigsten, weil am entspanntesten, seien die Leute an den Wochenenden. Manche, die ihn schon mehrfach gesehen hätten, gäben sogar 20 Euro auf einmal. Deshalb verändere er auch ständig sein Showprogramm, damit es für die „Stammkunden“ nicht langweilig werde.
Jedenfalls verdiene er mit dem Jonglieren genug Geld zum Überleben und zum Reisen, und er könne sogar ein paar Euro sparen für einen kleinen Wohnwagen, den er sich irgendwann kaufen wolle. Als gemütliches Plätzchen zum Übernachten und als Stauraum für seine Ausrüstung. Auf Dauer sei ein Rucksack einfach zu wenig.
Wie lange Matti noch in Mainz und der Region seine Kunst ausüben wird, weiß er nicht. Vielleicht einen Monat, vielleicht länger. Im Gegensatz zu seinen Kollegen aus Südamerika, die nur eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis in Deutschland haben, kann er als Italiener und EU-Bürger so lange bleiben, wie er will. Auch wohin es danach gehen soll, ist noch offen. Vielleicht Belgien, vielleicht Spanien, vielleicht sogar in ein tropisches Land, sagt er mit einem Leuchten in den Augen.
Fest steht nur: Im Winter geht es wieder nach Hause ins Trentino – zur Familie und zum Pizzabacken!

 

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KUNSTFREIHEIT VS. VERKEHRSREGELN

Rein rechtlich bewegen sich die Straßenjongleure in einer Grauzone. Nach der Straßenverkehrsordnung gelten sie als Fußgänger und dürfen sich nicht länger als nötig auf der Fahrbahn aufhalten. Dem gegenüber steht die im Grundgesetz garantierte Kunstfreiheit. Deshalb drücken die Behörden in vielen Städten beide Augen zu. Auch die Polizei in Mainz sieht kein Problem, "solange der fließende Verkehr nicht beeinträchtigt wird. Sollte dies doch der Fall sein, könnte es sich um eine Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer handeln, die mit einem Verwarngeld geahndet werden könnte". Im Übrigen handele sich um eine "Sondernutzung" der Straße nach Gemeinderecht. Dafür sei die Stadt Mainz zuständig – sprich: das Recht- und Ordnungsamt. Auch von dort heißt es, die Jonglage werde im Rahmen der Kunstfreiheit geduldet, sofern die "Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs" nicht beeinträchtigt wird.
Problematisch sei jedoch das "Erbitten von kleinen Gaben"; dies stuft die Mainzer Ordnungsbehörde – anders als etwa bei einem Straßenmusiker in der Fußgängerzone, der nur seinen Hut aufstellt und Passanten nicht aktiv um Spenden bittet – als "aufdringliches Betteln" ein, da es Verkehrsteilnehmer nicht dulden müssten, dass sie, während sie im Auto sitzen, von außen mit entsprechenden "Bitten" konfrontiert werden, ohne sich der Situation entziehen zu können.
Es habe daher an der fraglichen Kreuzung im Stadtteil Gonsenheim auch schon "Platzverweise" gegeben. Die gälten allerdings nur 24 Stunden, und regelmäßige Kontrollen würden nicht durchgeführt. 
Auch der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) hat eine differenzierte Meinung zum Thema Straßenjongleure. Einerseits warnt er vor möglichen Unfällen durch abgelenkte Fahrer, verlorene Requisiten oder Stürze. Andererseits seien die Ampelartisten mit ein wenig Toleranz und Augenzwinkern auch eine Bereicherung des Straßenbildes und hätten sich an manchen Tagen nicht nur ein Lächeln, sondern sicherlich auch den einen oder anderen Euro redlich verdient, heißt es auf adac-shop.de.

Jonglieren wird oft toleriert, betteln eher nicht

 

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