Mainz 4

MAINZELMÄNNCHEN UND SCHOPPEGLÄSER
- wofür Kreuzfahrttouristen Geld ausgeben


Der Tourismus in Mainz boomt. In den vergangenen drei Jahren wurde jeweils ein neuer Rekord bei den Übernachtungszahlen verbucht. Das bedeutete auch mehr Einnahmen unter anderem für Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel und damit letztlich auch für das Stadtsäckel. Aber wie steht es eigentlich um die Tagestouristen, die nicht von der Übernachtungsstatistik erfasst werden? Einer Studie aus dem Jahr 2023 zufolge gaben sie im Schnitt immerhin 34,20 Euro am Tag aus.
Zu den Tagestouristen zählen auch die Kreuzfahrtpassagiere. Mehr als 900 Hotelschiffe im Jahr mit über 100.000 Passagierinnen und Passagieren machen in Mainz Station. Vollverpflegung zumeist an Bord. Inwieweit beleben sie trotzdem die Wirtschaft in der Stadt? Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und eine Gruppe von Rhein-„Kreuzfahrern- und fahrerinnen“ bei ihrem Landgang begleitet:

Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz):

Die „MS Aurelia“ hat gerade am Winterhafen angelegt, auf ihrer Rückfahrt von Basel nach Köln. Immer freitags geht der Luxusliner im Dienste von Phoenix Reisen in Mainz vor Anker. Rund 200 Passagiere sind mit ihm rheinauf, rheinab unterwegs. Nur wenige Minuten nach der Ankunft strömt ein Großteil von Bord. Die einen wollen die Stadt auf eigene Faust erkunden, andere haben eine Bus-Tour gebucht und wieder andere eine Führung zu Fuß. Letztere wird begleitet von Gästeführerin Daphne Neu. Sie fragt zu Beginn, was ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Mainz verbinden. – Die Fastnacht, Biontech, der Dom und die Mainzelmännchen, lauten die häufigsten Antworten. Die lustigen ZDF-Maskottchen gehören auch zu den beliebtesten Souvenirs, verrät sie. Amerikaner fragten oft nach Wein, ein Tourist aus Asien habe auch schon mal Spundekäs mit nach Hause nehmen wollen, aber bei den deutschen Gästen seien vor allem „Schoppe“-Gläser und eben Mainzelmännchen angesagt.
Das ist auch Kreuzfahrtbegleiter Ralf John aufgefallen. Immer wieder suchten Passagiere nach T-Shirts mit Mainzelmännchen-Motiv für ihre Enkel, aber nirgendwo in der Stadt würden sie fündig. Was das Einkaufen im Allgemeinen betrifft, so Johns Erfahrung, würden die Kreuzfahrttouristen „08/15-Läden“ meiden. Individuelle Geschäfte, die es nicht in jeder Stadt gibt, hätten die besten Chancen. Als Beispiel nennt er das „Toscana Mainz“ in der Altstadt, das unter anderem „handverlesene“ Heimtextilien verkauft. Und dessen Geschäftsführer Martin Dellee bestätigt: „Die Leute sind im Urlaub, haben gute Laune, da geben sie schon mal Geld aus.“
Die Gäste bei der Führung an diesem Freitag sind weniger am Shoppen interessiert: „Wir sind eher kulturell unterwegs“, sagt eine Frau aus Solingen. Eine Frau aus Köln fügt hinzu: „Wir sind ja immer sehr eng an die An- und Ablegezeiten gebunden, da bleibt nicht viel Zeit.“ Und eine Passagierin aus Sachsen-Anhalt meint: „Wir gehen vielleicht mal ein Eis essen. Einkaufen können wir ja überall.“

"Kreuzfahrer" in der Augustinerstraße
Mainzelmännchen-Souvenirs
Heimtextiliengeschäft "Toscana Mainz"

Wenn schon nicht einkaufen, dann wenigstens irgendwo gemütlich einkehren? „Nein“, sagt eine Frau aus Solingen, „man kriegt ja auf dem Schiff so viel zu essen.“ Und ein Mann aus dem Bergischen Land: „Auf dem Schiff wird man ja so verwöhnt. Man kann nicht noch mehr essen und trinken.“ Ein anderer Mann aus Bielefeld meint immerhin: „Wir gehen heute Abend vielleicht noch einen Wein trinken, weil wir erst um 22 Uhr weiterfahren.“ Er würde gerne noch etwas länger bleiben, um Mainz richtig kennenzulernen, und sieht es als Problem für die Städte, in denen das Schiff anlegt, dass sie in einem „ganz strengen Korsett drin“ seien: „Die Kreuzfahrttouristen konsumieren eigentlich gar nichts, weil sie keine Zeit dazu haben.“
Und so strömen die meisten nach der Stadtführung ohne volle Mägen und ohne volle Einkaufstüten auf direktem Weg zurück zum Winterhafen und zur „MS Aurelia“. Um 19 Uhr gibt’s Abendessen an Bord. Das ist im Reisepreis inbegriffen, drum wollen sie es nicht verpassen.
Dennoch sind die Rhein-„Kreuzfahrer“ in Mainz gern gesehene Gäste. Anders als zum Beispiel in Venedig, wo vor den Beschränkungen rund 1,6 Millionen Menschen mit Kreuzfahrtschiffen in die Stadt kamen und auch jetzt noch drei- bis viermal so viele wie in Mainz, hält sich ihre Anzahl vergleichsweise in Grenzen. Und auch wenn unsere Probe aufs Exempel dies nicht wirklich untermauert, heißt es vom Wirtschaftsdezernat der Stadt: „Insgesamt profitieren sowohl der Einzelhandel als auch die Gastronomie von Kreuzfahrttouristen.“
Trotzdem sieht Phoenix-Reiseleiter John noch Verbesserungsmöglichkeiten. Er verweist auf Koblenz, wo man sich auf die spezielle Klientel der „Kreuzfahrer“ eingestellt habe. Dort gebe es zwei Geschäfte mit Wein und Produkten aus der Region in Ufernähe. Seiner Ansicht nach bräuchte auch Mainz einen Souvenir-Shop direkt am Schiffsanleger, am besten mit Mainzelmännchen-T-Shirts in Kindergrößen: „Der könnte ein Vermögen verdienen!“

 

_________________________________________________

Hier geht's zurück zum Start.